STRATEGIEN EINES DOKUMENTARISCHEN NARRATIVS

Drei Blicke auf Erzählung im dokumentarischen Sujet.

Von Maike Mia Höhne.

I / AVANT L’ENVOL

Vor dem Abflug, so heißt der Film der Schweizer Fotografin Laurence Bonvin. Bonvin wandert durch die ehemalige Hauptstadt der Elfenbeinküste Abidjan. Sie besucht Gebäude und Orte, die vor und nach der Unabhängigkeitserklärung von Frankreich 1961 im Zentrum Abidjans, in dem Bezirk Plateau, gebaut wurden.  Plateau bildet auch heute noch das wirtschaftliche und zu Teilen politische Zentrum des Landes, auch wenn seit 1983 Yamoussoukro die administrative Hauptstadt ist.

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Plateau. Schönheiten in Beton. Reflektionen einer Idee von Größe und Kraft. Die Utopie in Beton gegossen. Höhe und Luft geben Raum für den Neuanfang. Manches bröckelt, vieles ist seiner Eleganz ungenommen. Vor allem die Decken und Reliefs, die Farben und Bögen sind ungebrochen. Bonvin mischt sich mit ihrer Präsenz als Filmerin nicht ein. Ihre Totalen lassen Raum für die Menschen, die sich dort bewegen und den Blick des Zuschauers, um anzukommen. Die Bewegungen der Menschen in den Cadragen wirken wie inszeniert, wie gedacht. Elegant. Kein Blick in die Kamera, und trotzdem kein Gefühl des Jetzt-nicht-Schauens-und-doch-Wollens. Im Gegenteil. Fast wie unsichtbar steht Bonvin den Gebäuden mal näher mal weiter entfernt gegenüber. Selten taucht ein Weißer auf. Wie eine Choreographie entfaltet sich so der Spaziergang durch die Stadt. Es sind die Kontraste zwischen schwarz und weiß, hell und dunkel, Einblicken, Ausblicken- die diesen Film so besonders machen. In den strengen Cadragen, die zugleich transparent und vom Licht getragen sind, werden Gegenwart und Vergangenheit zugelassen. Mit der Unabhängigkeit kam die Entscheidung, die Nähe zu Frankreich weiterhin zu praktizieren, nicht zu brechen. Kakao und Kaffeeplantagen machten das Land zu einem der reichsten seiner Region. Erst der Verfall der Kakaopreise rief eine große Krise hervor, die immer noch nicht beendet ist. Ein Bürgerkrieg hat die letzte Dekade bestimmt. Bestimmt sie immer noch. Die Gebäude stehen noch. Mit einer großen Ruhe dürfen wir diese Architektur betrachten, die von dem großen Selbstbewusstsein und einer anderen Zeit erzählt.

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Vor einem Hauseingang, an dem „alpha 2000“ steht, sitzt ein Mann an einem kleinen Tisch neben dem Eingang. Ich muss an Havanna denken. Nicht an den Malecón, sondern an eine der großen Einkaufsstraßen zwischen Havanna Viejo und Chinatown, zwischen zwei Vierteln, wo Platz war für große Einkaufspaläste. Einkaufspaläste, die geblieben worden sind, in den 1960ern gefüllt waren, die heute noch da sind, in deren Glanz das Gestern sich doppelt spiegelt. Die Unabhängigkeit wirft einen Schatten auf den Menschen an diesem selbstgezimmerten Tisch. Was tut der Mensch? Sitzen und aufpassen oder verkaufen oder da sein? Einfach nur da.

Über der Stadt fliegen die Fledermäuse.  Jeden Morgen fliegen sie aus dem einige Kilometer entfernten Naturpark in die Stadt, mitten ins Zentrum in den Bezirk Plateau, der direkt am Wasser liegt. Dort hängen sie an den Bäumen und warten den Tag ab, um abends, im Abendgrauen, in kreischenden Wolken zurück in den Park zu fliegen. Für die Nacht.

Vor dem Abflug. Der Film ist Bonvins Freundin und Vertrauten Henrike Grohs gewidmet, die im vergangenen Jahr bei einem terroristischen Anschlag in Grand-Bassam ums Leben kam. Henrike Grohs hatte zuvor das Goethe-Institut in Abidjan an der Elfenbeinküste geleitet. Die Ruhe sei uns gegönnt – in Gedanken an Henrike Grohs, aber auch in Gedanken an Architektur als Spiegel von Wandel und Erstarken. Von der in Zement gegossenen Veränderung.

#AFRICAHUB #ARCHTITEKTUR #FOTOGRAFIE #MODERNE # POSTREVOLUTION #UTOPIE

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II/ OH BROTHER OCTOPUS

„Die Eroberung der Erde ist keine schöne Sache“, – so hat Ascan Breuer Joseph Conrad aus dem „Herz der Finsternis“ von 1899 in seinem Film PARADISE LATER (Berlinale Shorts 2010) zitiert. In PARADISE LATER kondensiert Breuer Gedanken von Conrad mit einer Flussfahrt entlang einer Millionenmetropole in Asien. Der Dreck im und am Fluß mutet fast als abstrakte Kunst an: Kombination aus bewohntem Müll, langsamer Fahrt und historischen Gedanken, die wirken wie aus einem ambitioniertem Kommentar zum gesellschaftlichen Zustand. Kaum zu glauben.

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Das Goethe Institut in Indonesien fragt deswegen laut anlässlich des Films: „Wie überleben marginalisierte und unterdrückte Bevölkerungsschichten inmitten der Highspeed Modernisierung, an der sie nicht Teil haben. … Welche Rollen spielen Traditionen und Mythen in einer Gesellschaft, die schnell in die Moderne drängt?“

2017 sieht das nicht besser aus als vor einigen Jahren oder auch vor über 100 Jahren. Florian Kunert, wie Ascan Breuer Student der Kunsthochschule für Medien Köln, trifft in Indonesien auf einen sich an Geschwindigkeit nicht zu überbietenden Kapitalismus. Kunert ist auf der Suche nach Bildern und einer Komposition, die diesem Umbruch ein Narrativ entgegenstellen können. Einer jener Mythen, nach denen gefragt wird, und die eben doch Teil des Alltags sind, nimmt Kunert als Zentrum seiner Suche. Kunert besucht Seenomaden in Indonesien.

Wenn ein Kind geboren wird, so sagt es der Mythos, dann wird gleichzeitig ein Oktopus geboren. Auf beide Wesen muss adäquat geachtet werden, das Gleichgewicht zwischen beiden darf nicht ins Wanken geraten- wenn dem so ist, sein sollte, dann gerät die Welt ins Wanken. Und die Welt ist ins Wanken geraten.

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Die Seenomaden, als Nomadenvolk sowieso Randgruppe – stigmatisiert, isoliert und oft auch von Bildung und Gesundheitssystem ausgeschlossen, haben wenig Chancen auf ein Mehr, auf eine wirkliche Teilhabe. Um wenn sie teilnehmen am gesellschaftlichen Aufstieg, zahlen sie einen hohen Preis. Die Meerjungfrau opfert ihre Zunge, ihre Sprache. Die Nomaden wissen um ihre Geschichte und haben doch keine Chance.

Verschiedene Situationen, Interviews, Subjektiven, Montagen à la Eisenstein geben Kunerts Film eine Dynamik, die als experimentell beschrieben werden kann. Es ist schwer, eigentlich unmöglich, aus dem Moment der Veränderung heraus die Geschichte als solche zu beschreiben. Faktisch. Noch ist nicht belegt, welches Telefonat in die berühmten Geschichtsbücher eingehen wird. Aber es ist möglich, innerhalb dieser Lücke einem anderen Blick Raum zu geben. Die Lücke als solche zu nutzen, für einen kritischen Kommentar, für eine kritische Position, für überhaupt eine Position – mit zwei Beinen, über dem Krater stehend. Fest. Das Vulgäre hat Einzug gehalten. Die von Kunert gewählte Form ist radikal subjektiv – relevant.

Am Ende von OH BROTHER OCTOPUS steht die von Christina von Braun in ihrer Publikation über die Geschichte der weiblichen Hysterie in NICHTICH Logik.Lüge.Libido sehr dezidiert beschriebene Aneignung, Vernichtung, Wiedergeburt im Gezähmten: der Werbetrailer für einen neu zu errichtenden Lebenstraumpark in Form von verschiedenen Skyscrapern verspricht ein Leben im Einklang mit der Natur und ist doch genaues Gegenteil: ausgrenzend und vernichtend. Absurd.

III/ ENSUEÑO EN LA PRADERA

Zwei Menschen stehen in der Mitte einer Wiese. Die Einstellung ist mit einer langen Brennweite aufgenommen worden. So rückt die Größe der Landschaft in den Mittelpunkt. Die beiden in der Mitte werden zum Zentrum.

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Für alles gibt es immer und überall Bilder. Seit gestern auch im Hochformat & immer verfügbar. Und für was es keine Bilder gibt, gibt es eine Erzählung. Und wie kann es eine Begegnung geben, wenn eigentlich schon alles klar ist oder anders, wie verläuft eine solche Begegnung?

2016 präsentierte Esteban Arrangoiz Julien EL BUZO  bei den Berlinale Shorts. Ein bei der Stadt angestellter Taucher begibt sich täglich in die Abwasser der Stadt, um nach Dingen zu tasten, die die Kanäle verstopfen könnten und damit Mexiko-Stadt unter Wasser setzen könnten. Die Abwässer sind so dreckig, dass das Schwarz, das Arrangoiz Julien vorfindet, kein Photoshop für mehr Tiefe braucht. Der Taucher liebt seine Arbeit, seinen Arbeitsplatz, das Dunkel, das Schwarz und die Relevanz seiner Arbeit.

In ENSUEÑO EN LA PRADERA ist es sattes Grün, dass der Filmemacher einfängt. In der Mitte einer großen Wiese stehen zwei Menschen, Mann und Frau, Mitte 20, die sich gerade kennengelernt haben. Das erfahren wir aus dem Voice-Over. Wir erfahren auch, wie er mit 17 in die Vereinigten Staaten gegangen ist, nur um nach vier Jahren zurückzukehren, weil er nie wirklich angekommen ist. Immer seine Heimat vermisst hat. Von hinten über einen matschigen Weg, nähert sich ein Auto. Die Einstellung ist mit einer langen Brennweite aufgenommen worden, was die Dauer der Autofahrt erklärt.

Mexiko, Zurückkommen, Dorf, ein Auto, das sich langsam nähert – es braucht wenig, um den Frame der Drogenkartelle zu aktivieren. Und Arrangoiz Julien hilft bei dieser Aktivierung, ohne es je zu benennen.

Und zum Ende ist es wieder das Schwarz, das Raum lässt für das Konkrete. Die Zukunft.

 

DANIEL POOK IM INTERVIEW MIT MAIKE MIA HÖHNE

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Maike Mia Höhne: Seit nun zehn Jahren begleitest Du die Berlinale Shorts mit der Kamera und führst ausführliche Interviews mit den Filmemachern – alles veröffentlicht auf  „Short Talks“ und dem dazugehörigen Vimeo Channel. Du kamst damals mit Deinem Freund ins Büro, mit der Kamera unter dem Arm und sagtest, du wolltest gerne Interviews führen – mit allen oder wenigstens möglichst vielen der Filmemacher. Und das hast Du dann auch gemacht.

Wie kamst Du, wie kamt Ihr, auf die Idee? 

Daniel Pook: Den ersten Impuls hat uns David O’Reillys animierter Kurzfilm RGB XYZ gegeben. Der lief gleich in der allerersten Berlinale-Vorführung, die wir überhaupt besucht haben. Ich machte meine Anfänge im Journalismus bei einem Videospielmagazin und mich hat sowohl der eigenwillige 3D-Grafikstil als auch die Geschichte als Persiflage typischer Computer-Rollenspiele fasziniert. Direkt nach dem Screening sind wir spontan auf Maike zugegangen und haben uns nach Davids Kontaktdaten für ein mögliches Interview erkundigt. Maike drückte uns noch im Kinosaal ihre komplette Liste mit allen Telefonnummern und Emailadressen der Shorts-Filmemacher in die Hand und da mein damaliger Festival-Begleiter Lucien Noé und ich selber angehende Filmemacher waren – 2006 lernten wir uns an der New York Film Academy kennen – wollten wir nun auch unbedingt die Möglichkeit ergreifen, mit weiteren Regisseuren zu plaudern. Inzwischen führe ich das Projekt mal ganz alleine, mal mit Hilfe meines guten Freundes und Filmpartners Raphael Keric weiter, der dann auch stets die Moderation vor der Kamera übernimmt. (Hier zu finden)

MH: Warum die Kurzfilmer, warum die Berlinale Shorts? 

DP: Gerade durch die Zeit an der New York Film Academy hatten Lucien und ich mit der kurzen Form einfach selber am meisten Kontakt und wir wollten sehen, was andere Regisseure aus aller Welt so damit anstellen. Was mich an der Berlinale darüber hinaus immer besonders fasziniert ist, wie organisch sie überall mitten in der Stadt abläuft. Es gibt kaum Absperrungen, die meisten Filme sind ohne Akkreditierung fürs öffentliche Publikum zugänglich und auch Passanten, die gar keine Zeit haben sich die Filme anzusehen, tragen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen gerne die Berlinale-Taschen vom Fanartikelstand. Ohne diese Offenheit, die uns als noch sehr junge Buben und ganz normale Zuschauer das Gefühl gegeben hat, einfach mal ohne Voranmeldung die Kuratorin ansprechen zu können, wäre Short Talks bestimmt gar nicht erst entstanden.

MH: Gibt es ein, zwei, drei Kurzfilme aus den Jahren, die die besonders im Gedächtnis geblieben sind und warum?

DP: Night Fishing (Paranmanjang) von Chan-kyong Park und Chan-wook Park ist genau die Art von Filmerlebnis, das ich am liebsten habe. Eigentlich sehr surreal, wie ein nicht ganz greifbarer Traum. Erst nach und nach eröffnet sich eine Realität dahinter, die dem großen Ganzen ein emotionales Fundament gibt. Außerdem ist es einer der besten Geisterfilme, die ich überhaupt je gesehen habe und ich verweise immer wieder darauf, wenn jemand behauptet, man bräuchte eine möglichst teure und große Kamera, um gute Filme machen zu können. Dieser Goldene-Bär-Gewinner wurde komplett auf einem heutzutage antiquierten iPhone 4 gedreht. Nuff said.

Incident by a Bank (Händelse vid bank) von Ruben Östlund ist mit Sicherheit einer der originellsten Kurzfilme, seit ich die Berlinale besuche. Er zeigt in einem einzigen langen Take den komödiantisch missglückten Banküberfall zweier Amateurganoven, während drumherum allerhand absurde Sachen passieren und zwei Zeugen aus der Ferne das Gesamtgeschehen kommentieren. Die Kamera bewegt sich zwar, in Wirklichkeit sehen wir alles aber nur aus einer statischen Perspektive, in die nachträglich digital hereingezoomt wurde. Und wenn ich mich nicht falsch erinnere, hat sich dieses Schauspiel in Wirklichkeit genau so zugetragen, Ruben Östlund selbst war dabei tatsächlich einer der kommentierenden Beobachter.

Say Goodbye to the Story von Christoph Schlingensief gab das Leitmotiv für die Berlinale Shorts 2012 vor und ist seitdem auch irgendwie mein eigenes als Filmemacher geworden. Die Frage, wie bewegte Bilder sich selbst erzählen können, ohne die klassischen Formen des Geschichtenerzählers immer aufs neue und mit immer absurderen Übertreibungen aufgedrückt zu bekommen, hat dieser Film maßgeblich ins Zentrum meiner eigenen Herangehensweise gerückt. Und zwar, indem er mir genau das als Dauerschleife bis zum Exzess gezeigt hat, bis alle durchdrehen und die Zuschauer irgendwie auch.

MH: Gibt es einen Film, muss nicht aus dem Programm der Berlinale Shorts sein, der Dich sehr berührt hat und warum?

DP: Ich bleibe gleich bei den Shorts und komme noch mal auf meine Faszination für die Filme von David O’Reilly zurück, die bei meinem ersten Festivalbesuch entfacht wurde. Sein Goldener-Bär-Gewinner Please Say Something hat trotz abstrakter Welt und animierter Tiere als Hauptdarsteller menschlicher gewirkt, als die meisten Realfilme, die ich kenne. Ihm ist auch das Kunststück gelungen, eine Erzählung mit wenigen Worten über viele Umwege so auf einen berührenden Moment hinauslaufen zu lassen, dass sich die Frage nach der ausformulierten Bedeutung einzelner Szenen gar nicht mehr stellt. Ich spürte, das alles Sinn macht, bevor ich es begriffen hatte und alles was ich dafür sehen musste, war ein Schal. Wenn ich an dieser Stelle über den wunderbaren Tellerrand der Shorts hinausblicken darf, mache ich das natürlich auch gerne. Erst im vergangenen Jahr bin ich auf Julian Schnabels Before Night Falls gestoßen, eine 2000 erschienene Verfilmung der Biografie des kubanischen Autors Reynaldo Arenas. Genau wie bei Night Fishing verschwimmen hier Realität und ein unwirkliches, fast lyrisches Empfinden der Welt, ohne die Bodenhaftung zu verlieren und nur eine beliebige Fantasie zu zeigen. Es ist eben diese ganz besondere Kombination aus surrealer Inszenierung, die trotzdem noch genug Wirklichkeit erkennen lässt, die ich am meisten in Filmen suche. Ganz egal welches Genre oder welche Geschichte erzählt wird.

MH: An welches Interview erinnerst Du Dich noch und warum?

DP: An jedes Einzelne, selbstverständlich – und das meine ich auch wirklich so. Die Gespräche mit den Filmemachern, meistens an spontan ausgesuchten Orten mitten in Berlin, sind immer wieder auf ihre eigene Art etwas besonderes. Eben genau wie ihre Filme. Eines, das überhaupt nicht so geplant war, ragt für mich trotzdem hervor. Victor Lindgren und seine Darstellerin Jana Bringlöv Ekspong haben mich zum Talk über ihren späteren Teddy-Award-Gewinner Undress me (Ta av mig) in ihr Hotelzimmer eingeladen. Das Interview wurde wie von selbst zu einem vertrauten Gespräch zwischen den beiden und ich ganz zum Filmemacher, der mit Steadicam-Weste auf dem großen Doppelbett herumkroch und aus dem Bauch heraus seinen Protagonisten ins Ungewisse folgte. Es war vor Ort eine tolle, dichte Atmosphäre und sie kommt im Interview-Video ähnlich traumartig rüber, wie ich es in meinen Lieblingsfilmen immer so gerne habe. Dazu haben sich Victor und Jana in manchen Momenten nicht nur sehr ehrlich, sondern auch bemerkenswert emotional, sogar verletzlich gezeigt. Diese Ebene in einem Gespräch habe ich auch über Short Talks hinaus noch in keinem meiner Interviews erleben dürfen und es ist wunderbar, dass ich es anschließend als eigener kleiner Film mit der ganzen Welt teilen konnte.

MH: Der verrückteste Ort und Moment?

DP: Das Hotelzimmer war intim und stimmungsvoll, am verrücktesten aber waren die Drehs auf der jährlichen Berlinale Shorts Partys. Die Interviewpartner kommen in der Regel direkt von der Tanzfläche – nicht immer ganz nüchtern. Beim Übersetzer des japanischen Regisseurs Akihito Izuhara hatte ich wirklich das Gefühl, Antworten kamen nur noch durch den doppelten Filter aus Alkohol und Sprachbarriere bei mir an. Das war 2010, ich denke nach all der Zeit kann ich das mit einem Schmunzeln jetzt einfach so sagen wie es war. Und genau so etwas, macht Short Talks ja auch immer und immer wieder zu einem spannenden Abenteuer. Unvergessen ist für mich auch der Dreh mit Regisseurin Joanna Arnow und ihren beiden Schauspielern aus Bad at Dancing mitten im Einkaufszentrum Potsdamer Platz Arkaden. Da habe ich aus den Augenwinkeln beobachtet, wie eine Reinigungsdame den Mülleimer ausleerte, auf dessen Deckel ich meine GoPro-Kamera befestigt hatte. Redlicher Weise hat sie ihn exakt so wieder zurückgestellt wie er vorher war und ich musste mich nur beherrschen, nicht urplötzlich im Gespräch loszulachen.

MH: Gibt es einen Traumort, an dem DU noch nicht warst, aber unbedingt gerne drehen würdest?

DP: Raphael Keric und ich haben oft darüber gesprochen, was wir mit einem größeren Sponsor oder etwas Produktions-Budget für eine Sendung aus Short Talks machen würden. Unser Traum wäre, einen Kleinbus als mobiles Set á la The Darjeeling Limited umzubauen und dann mit unseren Interviewpartnern sowohl während der Fahrt durch Berlin, als auch an total spontanen Zwischenstops mit Liegestühlen und mitgebrachten Getränken irgendwo in Parks, Hinterhöfen oder mal eben schnell auf dem Gehweg zu plaudern. Unser Traumort wäre also immer in Bewegung und wir würden ihn am liebsten selber basteln.

MH: Gibt es einen Regisseur*in, die, der dir noch fehlt- den du wahnsinnig gerne was fragen würdest?

DP: Vor einigen Jahren bekam ich zum Filmstart von Black Swan eine Interviewmöglichkeit mit Darren Aronofsky und habe dafür sogar extra einen schon gebuchten Urlaubsflug verschoben. Ich habe dem Treffen sehr entgegengefiebert, Black Swan hatte mir wahnsinnig gefallen und Aronofsky erwies sich auch als guter Interviewpartner – dennoch, es wurde nicht das Gespräch, das ich mir erhofft hatte. Die zuständige PR-Agentur hat anschließend mein von ihrem Kamerateam gedrehtes Videoband verwechselt und ich hab mich ehrlich gesagt nie mehr richtig danach erkundigt, ob es irgendwann wieder aufgetaucht ist. Nicht aus Enttäuschung, aber weil das Gespräch für mich nichts wirklich besonderes geworden ist. Andersherum habe ich Filmemacher bei den Berlinale Shorts interviewt, deren Werke ich nicht überragend fand und die ich manchmal aufgrund von Empfehlungen, manchmal auch aus reiner Gelegenheit oder weil sie von sich aus auf mich zukamen interviewt habe und es wurde großartig – oft interessanter als mit Regisseuren, die ich ursprünglich auf einer solchen „Wahnsinnig gerne was fragen“-Liste hatte. Und deswegen gibt es diese Liste für mich inzwischen nicht mehr. Ich versuche eine möglichst abwechslungsreiche Auswahl zu treffen, weil ich alle Kurzfilmer mit meinem jetzigen Format als Hobbyprojekt nicht schaffen würde. Manchmal finde ich es allerdings schade, dass ich mit asiatischen Regisseuren meistens nur via Übersetzer sprechen kann, was ich aufgrund schlechter Erfahrungen inzwischen versuche zu vermeiden. Den Gesprächsfluss und die Tiefe, das richtige Kennenlernen, das Short Talks für mich persönlich besonders macht, konnte ich trotz mehrerer Versuche auf diese Weise leider nie so wirklich zustande bringen. So gesehen sind das also wohl dann doch meine Regisseur*innen, die mir häufig fehlen, auch wenn ich sie wahnsinnig gerne dabei gehabt hätte.

MH: Welches Ziel verfolgst Du mit dem Körper an Gesprächen, die Du geführt hast?

DP: Ich denke immer wieder darüber nach, dass Short Talks inzwischen wie ein flüchtiger Blick durch ein Fenster geworden ist, das ich mit meinen Videos offen halten kann. Es gibt da diese eine Woche, in der ein Filmemacher oder Schauspieler vom ganz speziellen Flair der Berlinale umgeben ist. Hier rückt das Verkaufen von Filmen oder eines Images gefühlt mehr in den Hintergrund als bei anderen Festivals und das möchte ich auch in der großen Sammlung an Interviews darstellen. Der aktuelle Kurzfilm oder die Person selbst stehen für mich in den Gesprächen gar nicht so sehr im Vordergrund. Es ist ihre Interpretation der Sprache Film, ihre Herangehensweise an den Produktionsprozess und ihre Motivation dazu, die mich als Filmemacher interessieren und die ich in ihrer Vielfalt nur als diese große Serie an Gesprächen überhaupt darstellen kann.

MH: Was machst Du sonst?

DP: Da gibt es einiges! Nach meiner Zeit als textender Games-und-Kinoredakteur war ich mehrere Jahre festangestellter Videojournalist bei Golem.de, wo ich bis heute noch gelegentlich als Freelancer arbeite und auch Filmkritiken schreibe. Meinen eigentlich sehr geliebten Job dort habe ich letztendlich aus freien Stücken gekündigt, weil der Ruf des fiktiven Filmemachens in mir doch zu groß wurde. Seitdem verbringe ich tatsächlich sehr, sehr viele Tage und Nächte vor dem Rechner und hinter der Kamera, um kleine und große Filme mit meinem Stammschauspieler und Produktionspartner Raphael Keric auf die Beine zu stellen. Da ist vom Found-Footage-Filzpuppenfilm bis zum Raw gedrehten Fiebertrip durch L.A. eigentlich so ziemlich alles dabei, was man nicht erwartet, wenn man schon einen anderen Film von uns gesehen hat. Nebenbei mache ich noch einen wöchentlichen Unterhaltungs-Podcast mit eigener Website, der dank treuer Zuhörerschaft über das Crowd-Funding von Patreon sogar ein wenig Geld abwirft. Die Themen sind kaum definiert, das Niveau allerdings oft auch nicht und manchmal überraschen mein ehemaliger Chefredakteur Alexander Voigt und ich uns mit Ausflügen ins philosophische oder gar in die Politik. Zu meinen regelmäßigen Kunden bei Videoarbeit gehört seit letztem Jahr auch die „Save the Children“-Stiftung. Deren Berlinale-Werbespot, welcher während des Festivals auf den großen Bildschirmen beim Potsdamer Platz und am Berlinale Palast gezeigt werden soll, habe ich noch vergangene Woche fertig geschnitten.

MH: Bleibst Du mit den Filmemachern in Kontakt?

DP: In erster Linie über die sozialen Netzwerke, dort aber nur flüchtig. Meistens gibt es ein herzliches Wiedersehen erst auf einer weiteren Berlinale und viele kommen ja tatsächlich nicht nur zweimal mit neuen Filmen zurück in den Wettbewerb. Einzelne habe ich dann doch auch noch woanders getroffen, darunter Cylixe (A City Within a City) während einer Pressereise nach New York, wo sie Kunst studierte. Als sie zurück in Berlin war, haben wir uns auch noch ein paar mal auf ein Bier getroffen, ich kann ihre Band The Blackflies übrigens wärmstens empfehlen! David O’Reilly, so schließen wir den Bogen zum Beginn jetzt wieder, entdeckte mich mal in Heathrow am Flughafen und rief mir zu meinem Verblüffen laut zu. Wir saßen dann auch im selben Flieger nach Berlin, wo sich David eine lange Bahnfahrt über Videospiele bei mir erkundigt hat. Ich arbeitete da noch bei meinem alten Games-Magazin und hatte nicht die leiseste Ahnung, dass er 2017 mit seinem eigenen Playstation-4-Spiel Everything wieder bei den Shorts dabei sein würde.

Top 4 Interviews:

Victor Lindgren (2013) 

Mahdi Fleifel (2014) 

Dustin Guy Defa (2014) 

Runner-Up – David Jansen, Sophie Biesenbach, Marcus Zilz (2015) 

 

 

IN ANOTHER WORLD: YOU CAN BE EVERYTHING – DAVID OREILLY

Here you can find the full record of the Berlinale Talents Talk with David OReilly and Maike Mia Höhne!

Famous for stripping down 3D graphics to the point of absurdity, the animated films of young Irish-born filmmaker and artist David OReilly have garnered over 80 awards, including the Golden Bear. Having recently stormed the world of video game and app development, OReilly’s œuvre awes in its defiance of traditional aesthetics and formats. Taking time away from the premiere of his newest „game-that-is-also-a-film,“ «Everything», in competition at Berlinale Shorts, OReilly recounts his meteoric career and the choices and chances that landed him in the world of games.

150217_hv_0149-in-another-world-talk-maike-david-oreilly-maike-mia-hohne-david-oreillyCopyright by Heinrich Völkel

WILHELM FABER ABOUT »CIDADE PEQUENA»

CIDADE PEQUENA – Small Town
“Words don’t come easy, to me, how can I find a way, to make you see, I love you”

Sleep cures all and, provided the sleeper is not haunted by nightmares, can bring the sweetest of dreams. A sound sleep can become an allegory of peace and innocence. Is there any sign of closer intimacy with your beloved than to join them in bed while they’re asleep?

It remains an impossible dream to prolong a carefree childhood or to retain the feeling of infinite trust and happiness associated with it. We are lucky if we can experience the confidence and intimacy of children who are close to us and who we can watch growing up. It is a comfort and a hope for adults who are aware of the ever-present suffering of humankind and who ask themselves if they can change it or how they can bear it.

What happens when a painting becomes a photograph or moving image?

What do pop singer F R David, Ludwig van Beethoven and Paul Gauguin have in common?

Diogo Costa Amarante photographs, films, composes and collages emotions and landscapes. He delves deep and moves people. His film is at once a proposition, a question and a broadening of horizons. It is both specific and allegorical; great cinema which finds its audience not only in small towns.

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CIDADE PEQUENA – Small Town
„Words don’t come easy, to me, how can I find a way, to make you see, I love you”

Schlaf dient der Erholung, und solange keine Alpträume den Schlafenden heimsuchen, kann er paradiesische Träume wecken. Der tiefe Schlaf kann zur Allegorie des Friedens und der Unschuld werden. Gibt es ein Zeichen tieferer Vertrautheit als sich zu einem geliebten Menschen ins Bett zu legen, der schläft?

Es bleibt ein Traum, eine unbeschwerte Kindheit zu verlängern oder das damit verbundene Gefühl grenzenlosen Vertrauens und Glücks zu bewahren. Vertrauen und die Nähe zu Kindern,  die uns verbunden sind und die wir erleben dürfen, wenn sie größer werden, sind ein Glück. Ein Trost und eine Hoffnung für Erwachsene, die vom allgegenwärtigen Leid der Menschen wissen und sich fragen,  ob sie es ändern und wie sie es aushalten können.

Was geschieht, wenn sich ein Gemälde zu einer Fotografie zu einem Bewegtbild  wandelt?

Was haben der Popsänger F.R David, Ludwig van Beethoven und Paul Gauguin gemeinsam?

Diogo Costa Amarante fotografiert, filmt, komponiert und collagiert  Gefühle und Landschaften. Er hinter frägt und bewegt.  Sein Film ist Angebot, Frage und Horizonterweiterung. Konkret und allegorisch. Großes Kino, das in jeder kleinen Stadt ein zu Hause findet.

still-2Film excerpt from »Cidade Pequena»

AND THE GOLDEN BEAR FOR BEST SHORT FILM 2017 GOES TO DIOGO COSTA AMARANTE!

Congratulations! The Golden Bear for Best Short Film goes to Diogo Costa Amarante and his film «Cidade Pequena»!

Diogo Costa Amarante was born in Portugal where he graduated in law before making his directing debut with the short documentary «Jumate/Jumate» which screened at numerous international festivals and won several awards. In 2009, Diogo participated in the Berlinale Talent Campus and directed his second documentary film «In January, perhaps» which was also selected in many festivals. «The White Roses», his first fiction short film, premiered at the 64th Berlin International Film Festival in the Official Shorts Competition and was awarded with the European Grand Prix in the Best European Short Film Festival. In 2016, Diogo finished his Master of Fine Arts at the New York University/Tisch School of the Arts with his thesis film «Cidade Pequena».

Portraits_Berlinale2017_HiRes_17333_0009.jpgCopyright by Heinrich Völkel

What is your ambition in the film?

One day, my sister told me that Frederico, my 6-year-old nephew, learned about the human body at school from a teacher who explained to him that people die when their hearts stop. That evening, Frederico didn’t sleep. He woke my sister up several times throughout the night complaining he had a pain in his chest. Hearing this story, I immediately recalled being his age and receiving a collection of books for children that happened to include one titled «Why did grandfather die?». Although the book was very colorful, populated by warm characters and communicating its educational message for children with sweet metaphors, I found it absolutely terrifying. I would hide it in different places, but inevitably weeks later, thinking of something else, I would bump into that thing again and again, each time terrified anew. It made me feel like the most melancholic person on earth. My mother worried I had developed a minor psychological problem, since she would find me in those moments staring sadly into space. The emotional parallel I saw in my childhood memories and my nephew’s experience inspired me to make this film. My first attempt at depicting this was very literal – including a chronologically written script and footage shot with my nephew at his school. I then realized what I really wanted to represent in the film was not a recreation of events but an expression of the emotions I felt reading that book as a child and the tenderness I felt hearing the story of my nephew’s similar experience. Approaching the concept fresh, I began to shoot with a more spontaneous approach. I went with my sister and nephew back to places that belong to my childhood memories and filmed with a stream of consciousness objective, intended to allow more instinctive moments to emerge from the familiar spaces, landscapes, colors, and sounds. To use montage and image manipulation to convey that mix of horror and tenderness. To introduce the absurd and its inherent humor as a sort of resistance against the otherwise immobilizing fear that can affect us all. If there’s something that will always be universal, it’s the vulnerability inherent in the consciousness of our own mortality.

How did you get started in the film business?

I used to be a trainee lawyer in Lisbon working in an office located nearby the Portuguese Cinemateca. One day, on my way back to the office, I was given this random flyer promoting a filmmaking workshop that was being organized by a new film festival I had never heard of. I was curious and went online to read more about it. Apparently they were willing to select 10 people to produce a short film each in 4 days. Potential participants should email them explaining why they should be one of the final selected. I have no idea what I wrote or if there were not that much people applying but soon I received a phone call saying I was one of the ten finalists. It was weird but exciting at the same time. I took a week off in the office and just went for the adventure. I arrived to their office and quickly realized that all the other participants were film students but me. Most of them knew each other from school and were already scheduling in between them to be able to crew in each other’s project. I was too shy to ask for help and so I went out on my own and started to collect images with the mini DV camera the festival borrowed me. I had no idea how to edit the material and so I spent all night playing with the software a friend of mine installed on my computer. The biggest surprise arrived when the organization of the festival awarded my “short” with a grant to study documentary filmmaking in Barcelona. I had two weeks to make a decision. My family and friends were shocked. I don’t even remember to question what was happening. I just quitted my job, left everything behind and went to Spain. Once in Spain, my little documentaries took me to the USA and once in the USA I was accepted into a Master of Fine Arts program as a Fulbright student. After 10 years jumping around I’m finally back to Portugal where I’m not sure if we can talk about a film business/industry.

What are your future plans for 2017?

I was recently funded to develop a first feature script. At the same time I’m preparing to start a PDH.

kleine-stadt-2Film excerpt from »Cidade Pequena»

AND THE SILVER BEAR JURY PRIZE (SHORT FILM) GOES TO ESTEBAN ARRANGOIZ JULIEN!

Congratulations! The Silver Bear Jury Prize (Short Film) goes to Esteban Arrangoiz Julien and his film «Ensueño en la Pradera»!

He was born in Mexico City in 1979, he took degrees in media and cultural studies in Australia and in filmmaking at the Centro Universitario de Estudios Cinematográficos /UNAM in Mexico City. In 2012 he participated in Berlinale Talents. His short films have screened at national and international festivals. He has recently also begun creating video installations.

Portraits_Berlinale2017_HiRes_17177_0003.jpgCopyright by Heinrich Völkel

What is your ambition in the film?

I don’t have an ambition; I have the need to share my concerns and my sensations of certain themes. Reverie in the Meadow started as a documentary with the intention to map certain aspects of Mexico in small stories of blackmailing and extortion, and later it evolved into an essay that shows how Mexico has become into a country with an absent government, ruled by Cartels and  without real opportunities for the most needed,  thus pushing the young ones to the path of criminal activities while the imaginary of the kids is being infected with admiration to that violence. I’m a father and I have been more sensible to children in the past years, so when I found the testimony of the children dreaming to be part of the Cartel, with the violence implicit in their word,  I was really astonished in a bad way, so I wanted to make a film about that, and I found a way to mirror it with the stories of extortion; actually it was perfect, because in the small tale of Gaspar and the extortion testimonies, the Cartel become the “heroes” of the story as they are the only ones to confront the extortion gangs,  so it was really natural for the children to dream of becoming cartel guys. And what I like is that we don’t see any violence in the short film, I only give you potential stories so you can construct it in your imagination, as the kids. I also like that Gaspar works as  subject that gives me hope in all this dense context, although he is kind of naive and childish, there is a fascination to see someone act with such a passion for small details, it tell you a lot of how you feel in this world, even though there is all this violence happening around him.

How did you get started in the film business?

When I was studying my bachelor in Media and cultural Studies in Australia I had a film class where I saw very good films from Iran. Sawing those films made me want to know more about their culture and their beliefs, it made me feel about them, so I woke up a need to do the same; I want to touch the head and soul of the people with my films. I was specially moved by a film by director Mohsen Makhmalbaf called Salaam Cinema. In 1996 they commissioned Makhmalbaf to make a film to celebrate de 100 anniversary of film, and he decided to make a film about  the casting of the “film”, it’s an amazing film where he achieves, in a very intelligent way, an essay on power, abuse and representation, in a country with a high rate of censorship. That film made me understand that film is not on the screen but in our imaginary, of course produced by images, sounds and our own history.

What are your future plans for 2017?

I have some projects waiting in the desk, even do I’m eager to make a feature film, I still want to keep on going with the short form, it give me space to free my mind. When I’m working in the feature projects I tend to be more academic, I think everything to much in order to try an write it properly, but I still can’t do it, I write a full feature script in 20 pages.

I have a hybrid film that follows a bull (not the same bull)  from birth to death, while we get to mirror certain aspects of the human condition in the way people relate with them. I have a fiction film that happens in a monastery in the 16th century, it’s a big monastery that was built to welcome a big group of people to live there but in 300 years nobody came, there were only 3 monks maximum living at the same time , it’s a very nice metaphor of contradiction and absurdity found in religion, it’s like Godot, but at the end the monks find spirituality somewhere else. I also have a project of a documentary in a trash dump were migrants work burning trash all day but they although they are pushed to that job they dignify it, they don’t pity themselves as the media shows them, I love those stories of contradiction, were people find their own beauty in remote places. I want to get into their heads and souls while they burn the trash. So, I hope I can start filming any of these stories soon.

Ensueno en la pradera.pngFilm excerpt from «Ensueño en la Pradera»

 

AND THE AUDI SHORT FILM AWARD GOES TO KARAM GHOSSEIN!

Congratulations! The Audi Short Film Award, endowed with € 20,000, enabled by Audi goes to Karam Ghossein and his film »Street of Death«!

He was born in Nabatiye, South Lebanon in 1988, he lives in Beirut. Karam Ghossein studied film and television at the Lebanese University. Since 2006 he has worked on numerous experimental, documentary and fiction short films as well as on TV productions, including as cinematographer on Al Marhala Al Rabiaa (The Fourth Stage) which screened in the 2016 Forum Expanded. His work has been shown at venues including MoMA in New York and the Centre Pompidou in Paris. »Street of Death« is his debut film as a director.

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What is your ambition in the film?

With Street of Death, I was interested to probe my own relationship with my past, and to explore, in general, how resonant our relationships are to the mistakes we made and dreams we had for ourselves as adolescents.  Your teenage years are when many of your desires are formed, your conceptions of masculinity, power, sexuality. We often assume that we have managed to escape certain aspects of our past – how formative the confines of poverty or the experience of desiring or coveting material wealth are, for example. I also wanted to capture the rawness of life is in these marginalized communities – in the suburbs of Beirut – where I spent my teenage years, to tell the stories of the inhabitants: their way of living, their way of dreaming, their way of negotiating and asserting power, the means by which they can escape. It was very important to capture the particular atmospheric soundscape of that neighborhood: due to its proximity to the airport, you hear the continuous roar of planes taking off and landing, and because of its closeness to the highway, the revving of engines and screeching of tires. But also the sound of gunfire, of street life, of street weddings.

How did you get started in the film business?

I held my first video camera during the Israeli war on Lebanon in 2006. My girlfriend at the time was working for the UN Youth program, and we went to film refugees and displaced persons in the South, which was under heavy bombardment. I started studying film and working in TV soon after. For the past five years, I’ve been working as a cinematographer with various directors in Lebanon.

What are your future plans for 2017?

I am currently developing a feature film. It’s a hybrid documentary set in Germany. I also co-founded a production company in Berlin called Friendly Fire Films, and I hope to be dividing my time between Beirut and Berlin.

Still from Street of Death 1.pngFilm excerpt from »Street of Death«

 

SASKIA WALKER ÜBER »LE FILM DE L’ÉTÉ«

In German language!

Reale Ablenkung von Realität – Le film de l’été 
Saskia Walker

Die kleine Sommerreise einer vom Zufall zusammen gewürfelten Runde: ein Verführer, sein Sohn von knapp zehn, den er noch drei Tage länger hüten muss und sein ehemaliger Kumpel, der doch kein Regisseur geworden ist. In der Sommerhitze strolchen die drei mit dem Auto durch Südfrankreich. Fragile Orte, Waschanlagen, Kartbahnen, Autobahnraststätten, Schaumparties. Spielorte um sich weiterdurchflunkern zu können, um nicht den Lebensrealitäten ins Auge schauen zu müssen, der tiefen Verzweiflung, der Gier oder dem was kommt, wenn man erwachsen wird. Miteinander sind der verzweifelte Freund und das Kind, er hat Interesse, er braucht die Zuneigung. Durch das Kind beruhigt er sich und das Kind mag sich von ihm nicht mehr trennen. Die Frauen warten am Rande dieser Jungsreise am Telefon, in den Büschen und in der Ferne. Sie sind die Taktgeber. Ein phänomenal echter Spielfilm, eine Skizze, deren Elemente sich verbinden zu einem großen Bild des Lebens.

130217_hv__0044Die Premiere von «Kometen» im CinemaxX 3

130217_hv__0052Maike Mia Höhne im Gespräch mit Emmanuel Marre, Jean-Benoît Ugeux und Balthazar Monfé

130217_hv__0043Der Saal im CinemaxX 3 

130217_hv__0053Maike Mia Höhne im Gespräch mit Balthazar Monfé und Emmanuel Marre

Copyright by Heinrich Völkel

RAINER KOHLBERGER ÜBER SEINEN FILM »KEEP THAT DREAM BURNING«

In German language!

Rainer Kohlberger 2017

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Noise hat mich immer fasziniert. Als ich klein war, gab es zuhause ein altes Fernsehgerät ohne Empfang. Ich habe es trotzdem eingeschaltet, in den ›Schnee‹ geschaut und an den Reglern geschraubt, um so das Rauschen zu modulieren. In gewisser Weise ein frühes Instrument. Es ist für mich, wie oft verstanden, kein negativ empfundenes Prinzip – vielmehr steht es für eine Ahnung für alles Neue, das in die Welt kommt: Ein Versprechung größtmöglicher Unbestimmtheit, wie die Unendlichkeit des Meeres. Dieser Film, der von Rauschen durchdrungen ist, zeugt davon. Herausgearbeitet wurde es aus zahlreichen Filmen, vor allem solchen des Action-Kinos, also jenen in denen Explosionen im Vordergrund stehen. Dieses Kino ist seit einigen Jahrzehnten verantwortlich für die Entwicklung aufwändiger technischer Bildgebungsverfahren, in denen die Welten die wir zu sehen bekommen, mit dem Computer errechnet werden. Ein früher wesentlicher Algorithmus stammt von dem Mathematiker Ken Perlin und nennt sich Perlin Noise. Er wollte dadurch organischere Strukturen und Bewegungen ermöglichen. Erstmals eingesetzt 1982 bei ›Tron‹ wurde ihm dafür später ein Academy Award überreicht, der einzige Algorithmus der jemals diese Auszeichnung geschafft hat.

Etwas verkürzt kann man sagen, dass alle computergenerierten rauschenden Bewegungen wie Feuer oder Wasser auf diesen Algorithmus zurück zu führen sind. In einer sehr viel reduzierteren Form verwende ich die selben Formeln in meinen Arbeiten. Was mich nun hier interessiert hat, ist diese dramatischen Bildsequenzen zurück auf ihre Rohform zu reduzieren und offen zu legen. Die Transformation geschah dabei mit völlig neuartigen algorithmischen Prinzipien. Der Computer hat die Bilder ›geträumt‹. Die Maschine wurde dafür trainiert, das heißt stundenlang darauf angesetzt, die von mir erzeugten Noise-Ästhetiken so zu verstehen, dass sie andere Bilder in ebendiese gelernten Stile umwandeln kann. Diese Vorgehensweise beruht auf ›Machine learning‹, was gerade für die größte computergestützte Revolution der letzten Jahre steht. Zurückzuführen auf ›Neuronale Netzwerke‹, die es bereits seit den 1950ern gibt – allerdings erst mit der Rechenleistung von heute ihre volle Entfaltung erlangen. Ein berühmtes Beispiel ist ›Alpha-Go‹ das heuer den weltbesten Go-Spieler geschlagen hat, was erst in mehr als 50 Jahren für möglich gehalten wurde. Außerdem fahren damit Autos autonom und Online-Services erkennen Bilder und Sprache (Siri). Interessanterweise können die Forscher oft selbst nicht völlig nachvollziehen, warum diese Algorithmen so gut funktionieren, die ›Black Box‹ wird also umso undurchsichtiger. Aus dem Wunsch nach Verständnis, ist im Google lab letztlich eine völlig neue Ästhetik entstanden, die so anmutet, also ob der Computer auf LSD wäre. Die Ankündigung trug den Titel ›Inceptionism‹ –  als Verweis auf die verschachtelten Realitäten im Nolan-Film. Das Prinzip selbst ist als ›Deep Dreaming‹ in den Forschungs-Jargon eingegangen, weil es sich um sogenannte ›Deep Neural Networks‹ handelt und der Computer in gewissem Sinne die Bilder erträumt. Dieser Kurzschluss von Kino- und Computerästhetik steht gedanklich zentral in ›keep that dream burning‹.

Der Titel spielt auch auf das aktuelle Jahr an, das an dramatischen Ereignissen kaum zu überbieten ist. Unter anderem sind zahlreiche künstlerische Persönlichkeiten gestorben. Darunter auch Alan Vega, der diese Ansage im Song ›Dream baby dream‹ nuschelt und ganz oben in meiner Hitliste steht. Auf der klanglichen Ebene des Films ist in der Mitte das psychoakustisches Prinzip ›binauraler Beats‹ eingearbeitet, wodurch der schwebende Sound in ein rhythmisiertes Wabern übergeht, das nur in den Gehirnen der ZuseherInnen erklingt.

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DAVID OREILLY: »I DON’T BELIEVE IN THE FUTURE«

In his computer game Everything, David OReilly (Please Say Something, Golden Bear for Best Short Film 2009 & RGB XYZ, Special Mention, Berlinale Shorts 2008) takes the leitmotif “REFRAMING THE IMAGE” to another level by choosing a philosophical approach. OReilly had two sources of inspiration for his film: on the one hand, the writings of English philosopher of religion Alan Watts, who above all undertook a deep investigation of the philosophies of Zen, Buddhism in general and Taoism; and on the other hand, the short film Powers of Ten by Charles and Ray Eames from the year 1977, in which the camera is at first focussed on a picnicking couple in a park and then, in steps corresponding to powers of ten in surface area, zooms out further and further all the way into deep space, before finally diving back in towards Earth and the park, all the way into the inside of the human body. Everything is an invitation to be everything and everyone and to overcome the little needy self. This also represents a »reframing«.

You shouldn’t miss: In Another World: You Can Be Everything-Talk with David OReilly In the framework of Berlinale Talents, David OReilly will also be speaking with Maike Mia Höhne about his philosophy and aesthetic, and presenting the game version of Everything.

david-1Copyright by Dave McDowell

What is your ambition in the film?

To make something beautiful for people to enjoy.

How did you get started in the film business?

A friend entered a film I did in the 2008 Berlinale, an animated short called RGB XYZ, and then my life changed.

What are your future plans for 2017?

I don’t believe in the future. There is a strong possibility I will die, in which case it will stay 2017 forever.

Everything_02 -® David OReilly 2017.pngFilm excerpt from »Everything«

GABRIEL ABRANTES: »MY FILM CHARACTERS FEELING ALIENATED«

Gabriel Abrantes‘ films explore historical, social and political themes through an investigation of post-colonial, gender and identity questions. Two of his numerous short films (Taprobana (2015) and Freud und Friends (2016)) have already screened in Berlinale Shorts. This year he is selected with his film »Os Humores Artificiais«23 films from 19 countries will be competing for the Golden and the Silver Bear as well as the Audi Short Film Award, worth € 20,000, and a nomination for the European Film Awards at the 2017 edition of Berlinale Shorts.

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What is your ambition in the film?

I wanted to make a sci-fi film that crossed artificial intelligence, south american indigenous anthropology and comedy.  Most of my films have characters that have difficulty communicating, sharing their worldview, or feeling alienated – that are dealing with strong sensations of estrangement. Then I like to  bring these people together – so I came up with a love story about a stand-up comedy robot that fell in love with a Yawalapiti girl that was expelled from her village.

How did you get started in the film business?

In the last year of art school I bought about two hours of Kodak short-ends and made four shorts over six months.  They are very rough, but I really like them. It was very important for my psychology that I had this investment in a precious material like film – it made me have a lot of care for what I was shooting. Shortly after university I moved to Portugal, and I have been working there ever since, making short films. It is a form that I really like – how it is not an easily lucrative form – so it becomes a laboratory for experimentation, which is where I really like to be when I am writing and making films – in the laboratory, trying out things that I am curious to experiment with work.

What are your future plans for 2017?

I’m currently editing my first feature, and I am working on writing a second feature my high school days, when I spent most of the time painting. I will also make my first short animation, which is about a sculpture that comes alive in the Louvre, and escapes to go participate in the Republique occupation protests.

films_humores_still_001-tifFilm excerpt from »Os Humores Artificiais«

BRENDA LIEN: »FIRST I WANTED TO BE A PIANIST«

Together with Brenda Lien and her film »Call of Cuteness«  we’re reframing the image of kitten cuteness: “While we watch the ‘cat fail’ of the day in cheerful safety, all that remains invisible in this neoliberal nightmare catches up with us. The cat’s body is consumed, exploited and controlled.“, she says. 23 films from 19 countries will be competing for the Golden and the Silver Bear as well as the Audi Short Film Award, worth € 20,000, and a nomination for the European Film Awards at the 2017 edition of Berlinale Shorts. Brenda Lien was born in Offenbach am Main, Germany in 1995, she works as an independent filmmaker and film music composer. She has been studying art with a focus on film and animation at the University of Art and Design Offenbach since 2012. In 2017 she is  selceted to the Berlinale Shorts competition with her film.

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What is your ambition in the film?

Currently I am working on a triology about different kinds of internet videos. The first film Call of Beauty is about beauty-bloggers on YouTube, the second Call of Cuteness about cat videos and the third Call of Comfort (work in progress) will be about relaxation videos. I want to reflect why these videos are so popular, and what their high consumptiont tell us about our cultur and the viewers? Do these videos have any effects on our thinking or behaviour?

How did you get started in the film business?

First I wanted to be a pianist, then a composer, then an artist – and then I realized, that I could combine all of these interests in film somehow. At artschool I started with very experimental films, and I worked on the specific rotoscoping style, you can see in Call of Cuteness. Though I´ve made several animated films, I feel my real passion is telling stories in live action films. Here I like to think a lot about visual story telling and music, and I guess sometimes you´ll still find some experimental elements.

CallOfCuteness-Still2.jpgFilm extract from »Call of Cuteness«

What are your future plans for 2017?

I will be working on the script to my new (live action) shortfilm, about robots with eczemas and two workaholics trying to exorcise each others demons. Besides that there are several (film) music projects coming up and a theater performance, for which I will make an interactive animation.

VICTOR LINDGREN: »I DON’T LIKE THE IDEA OF NOT BEING ABLE TO CHOOSE«

Victor Lindgren is selceted to the Berlinale Shorts competition with his film »Kometen«. 23 films from 19 countries will be competing for the Golden and the Silver Bear as well as the Audi Short Film Award, worth € 20,000, and a nomination for the European Film Awards at the 2017 edition of Berlinale Shorts. Victor Lindgren was born in 1984 in Holmsund, Sweden, in his films he tells stories about people, with all their flaws and greatness, difficult relationships, failures and social injustices. His films often have a political undertone, an injustice to show or a norm to question.

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What is your ambition in the film?

The Comet tells an important refugee story about having to flee your homeland, across the Mediterranean Sea, to a cold and closed Europe. It is made with small means and many dedicated people. I’m incredibly happy that I got to know Abdi and he has inspired me to write this story. He has made a similar hellish voyage from Somalia to Sweden, because of his sexual orientation. I hope this film can change his situation and raise the issue of refugees, especially LGBTQ refugees who today often become marginalized.

How did you get started in the film business?

I’m not really sure. I think I soon realized that I wasn’t meant for a long school education. I didn’t have the brain for it. And I don’t like the idea of working with the same thing each and every day not being able to choose. So I quitted my career in construction and started to seek for work or practice within the film industry.

kometen1neuFilm excerpt from »Kometen«

What are your future plans for 2017?

My first feature film. We shot it this summer and the material looks gorgeous but we don’t have money to edit the whole thing and do a proper distribution. So that’s my plan, to find money.