Egbert Hörmann on “Lama?” (Shorts I)

Egbert Hörmann (member of our Berlinale Shorts selection committee) on “Lama?“ (Why?) by Nadav Lapid

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LAMA? von Nadav Lapid ist eine Hommage an die Filmkunst: Ein israelischer Regisseur wird gebeten, eine prägende Filmerfahrung zu erinnern – er wählt Pasolinis TEOREMA aus und beschwört somit eine uns allen bekannte Zeit, unsere frühen Jahre, als das Kino der Traum vom großen Leben war, eine Zeit, als Filme Anregung und Erregung brachten, unerschöpfliche Bewegung, endlose Möglichkeiten des Werden und der Transformation, ein erhaschter Blick in andere Welten …

Wir waren alle gefährliche Charaktere aus einem B-Movie. Wir waren schlimm – wir lasen unter dem Einfluss von Eierlikör Gide, Lermontov, Burroughs, Mishima und Francoise Sagan im Schaumbad in der Badewanne, wir fühlten, wie allermodernstes Gedankengut unkontrolliert aus uns herausquollen. Die Zivilisation begann und endete mit uns. Erleuchtung kam in Gestalt von Orson Welles, Jeanne Moreau und Marlon Brando auf uns zu. Wir pfiffen auf alles, und nachts fuhren wir immer raus zum Mondsee …

Wir waren cool und gingen oft ins Kino. Wir rutschten tiefer in den roten Plüsch und stöhnten „Mann, was für ein beschissenes Loch!“, wenn wir uns wieder mal auf die bescheuerte Versailles-Tapete aufmerksam machten. Aber Loch hin, Loch her – wir waren immer da, wenn es einen neuen Film im Programm gab. Der Vorhang würde sich gleich öffnen, die Leinwand würde für einen Augenblick nur weiß sein in einer Sekunde höchster Erwartung, die den Körper schwerelos zu machen schien, in der einsetzenden Dunkelheit, in der Überleitung zur Illusion …

Die Macht, die damals von Filmbildern ausging, kryptisch Vorauswissen offenbarend, der Traumsätze, wie unter Wasser gesprochen; „Nevers, das ich vergaß, heute Abend möchte ich dich wiedersehen. Monatelang habe ich dich allnächtlich in Flammen gesetzt, während mein Leib in Flammen aufging in der Erinnerung an ihn  …“ –  der Wartesaal des Bahnhofs von Hiroshima …

das endgültige Zerreissen des geistigen Bandes, der Zusammenbruch des großen Zampano an einem nächtlichen Strand, als er voller Grauen das Ausmaß seiner vergeudeten Liebe und seiner beraubten Seele erkennt …

Anna Magnani als schwangere Witwe Pina, die von deutsche Faschistenkugeln niedergemäht wird, eine der Ur-Sterbeszenen des Kinos überhaupt …

die reglos Liebenden in Dowschenkos russischer Sommernachtverzückung, die dem Ansturm unserer Gefühle nicht widerstehen können, ihr Fleisch öffnen und ihr Innerstes preisgeben  …

Lillian Gish, immer wieder herumgestossen,  gedemütigt und verflucht, die um Mitternacht ihr sterbendes Kind tauft, leidenschaftlich ihren Verführer denunziert und schließlich das feindliche, blendende Weiß der Eisschollen, auf denen sie herumirrt …

der Tod des kleinen japanischen Angestellten auf einer Schaukel eines von ihm geschaffenen Spielplatzes in Tokio, während sanft gleichmütig Schnee aus dem Himmel fällt …

die Tränen von Anna Karina in einem Pariser Kino, die mit denen der Falconetti und unseren verschmelzen …

die Mailänder Bushaltestelle, wo sich Monica Vitti und Alain Delon begegnet sind und die jetzt verwaist ist und nicht einmal von deren Erinnerung heimgesucht wird  …

Marina Vlady, der wir von hinten folgen und eine Mozartmusik kommt auf und sie hat eine Art Satori in der Trabantenstadt: „Ich weiß nicht wo, oder wann. Ich erinnere mich nur, dass es geschah. Ein Gefühl, nach dem ich den ganzen Tag gesucht hatte. Da war der Geruch der Bäume. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich die Welt war und die Welt ich.“ …

der Blick von Cabiria, deren Blick den unseren kreuzt, die uns unter Tränen zulächelt, nachdem sie im Wäldchen ihr ganzes Erspartes verloren hat und ihre Liebe, aber sie hat immer noch sich selbst …

Das alles würden wir nicht vergessen, dachten wir, das schien wichtig, schon damals ….

(Egbert Hörmann)

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