AUFHEBUNG ALLER GRENZERN

Interview mit Maike Mia Höhne, Kuratorin der Berlinale Shorts, Berlin

2016_maike_hoehne_credit_simone_scardovelli©Simone Scardovelli

von Susanne Lettner

Susanne Lettner: Sie sind seit Sommer 2007 Kuratorin der Berlinale Kurzfilmsektion Shorts. Die Spielregeln sind, dass die Filme nicht länger als 30 Minuten sein dürfen.

Maike Mia Höhne: Kurz ist relativ, Sie sagten es schon – wir zeigen Filme bis 30 Minuten. Auch da besteht ein gewisser Spielraum – bei anderen Festivals geht Kurz bis 45 Minuten, manchmal bis zu 60 Minuten. Die Filme sind unterschiedlich – Dokumentarfilme, essayistische Filme, Spielfilme, dokumentarische Experimentalfilme, experimentelle Domfilme, animierte Experimentalfilme, klassische Animation und natürlich die Königsklasse, der Spielfilm. Verschiedenste, sehr konzentrierte, dichte Einblick in die Wirklichkeit. Die Filme, die wir dann zeigen, müssen Weltpremieren oder Internationale Premieren sein, manchmal gibt es Ausnahmen – aber es geht auf jeden Fall um das Erste Mal!

Susanne Lettner: Das Genre ist offen, zugelassen sind Spiel-, Dokumentar-, Experimental- und Animationsfilme. Sind generelle Themen und Strömungen in den letzten Jahren zu erkennen?

Maike Mia Höhne: Tendenzen, die in vielen der eingereichten Filme zu beobachten waren, war der Umgang mit Tieren. Tiere eingesetzt als surrendes Moment – Sie müssen sich das so vorstellen: Sie frühstücken und auf einmal kommt ein Elch vorbei, schaut und geht weiter. Oder eben der Film, der es 2014 in den Wettbewerb geschafft hat und es auf die Spitze treibt – die ungarische Animation Symphony no. 42 der Künstlerin Réka Bucsi – eine einzige Anthropomorphisierung der Tierwelt – tolles Wort finde ich, eine einzige Vermenschlichung der Tiere. Ihnen Regungen und Aktionen zu zuschreiben, die sonst dem Menschen überlassen sind. Eine Art moderne Zauberflöte – ein Ausflug in eine andere Welt, die sogleich Spiegel unserer Verhältnisse ist.

Symphony no. 42 – Extract from Reka Bucsi on Vimeo.

Ein anderer Trend ist nicht der Rückzug ins Material, sondern der ganz bewusste Umgang mit dem Filmmaterial. Die Filme werden auf 16mm gedreht, auf 35mm. Wenn es in den 1990er Jahren jedes Material eine dahinter liegende Haltung offenbarte, also die Arbeit mit Super8 einen Independent Filme ausmachte, 16mm engagierte Dokumentarfilmer ausmachte und 35mm dem Spielfilm vorbehalten war, so ist durch die Digitalisierung und das Drehen in digitalen Formanten nun erneut die Chance eine ganz andere Reflexion über die Verwendung von Filmmaterial zu transportieren. Filmmaterial hat neben einer Sinnlichkeit, einer konkreten Wirklichkeit – wenn man Film im Kino schaut, empfinde ich das subjektiv als sehr viel angenehmer für die Augen, weil es eine Bewegung gibt, die es in der Digitalen Projektion nicht gibt – eine Happig, die einfach Freude macht. Und Filmarbeiten kann ja auch einfach mal Spaß machen. Alleine das Einlegen des Materials. Ich liebe Film und Filmmaterial und freue mich deswegen besonders, dass sich dieser Trend niederschlägt in der Auswahl.

Susanne Lettner: Wieso ist es Ihrer Meinung nach wichtig, gerade auch eine eigene Kategorie Kurzfilm auf der Berlinale zu präsentieren?

Maike Mia Höhne: Die Bedeutung der kurzen Form für den Kunstmarkt, für die Etablierung im Markt überhaupt ist ungenommen – deswegen war es uns so wichtig, diesem Streben nach Autonomie der Form Ausdruck zu verleihen in der Etablierung einer eigenen Sektion. Der Wettbewerb für den besten kurzen Film ist bereits über 60 Jahre alt. Die Berlinale ist somit in Deutschland das Festival, das am längsten einen Preis, zudem einen so wichtigen, an einen Film der kurzen Form verleiht, sich also über die Bedeutung derselben von Anbeginn im Klaren ist. Lange Jahre war der Wettbewerb der Kurzfilme zusammen mit dem Langspielfilmwettbewerb verknüpft, was sich bis heute darin ausdrückt, dass die Bären für Lang und Kurz gemeinsam vergeben werden. Im Internationalen Forum Des Jungen Films wurden schon Anfang der 1970er Jahre die Filme der Avantgarde Szene aus New York gezeigt, im Panorama gab es über die Jahre einen festen Bestand von kurzen Filmen – einer der Höhepunkte des Festivals ist bis heute die Teddyrolle im Kino International am letzten Sonntag des Festivals – in der alle Filme mit queerem Inhalt einem sehr interessierten, engagiertem Publikum präsentiert werden. Grundsätzlich ist eine Orientierung für den Zuschauer wichtig in einem so großen Festival wie der Berlinale – deswegen auch das historisch gewachsene Verteilen auf Sektionen. Aber wir könnten es natürlich auch mal ganz anders denken. Aufhebung aller Grenzen. Aufhebung der historischen Entwicklungen in ein Neues, in ein Ganzes. Das würde vieles an Umdenken bedeuten – ich erlebe es so, dass viele unserer Zuschauer ja bereits ohne Grenzen schauen. Sie schauen einfach nach, wann habe ich Zeit und gehen ins Kino. In welcher Sektion der Film läuft ist sekundär. Wichtiger ist oft – wo eigentlich. Also zum Beispiel im Eiszeit Kino am Freitag, ah, da haben wir Zeit, komm, das ist bei uns um die Ecke und dann, plumps, sitzt man abends in einem Programm mit Kurzfilmen. Für die Industrie, die Presse sind die Sektionen eine Hilfe, mehr noch, eine Verabredung. Weil es trotz weiterhin in verschiedenen Sektionen die kurze Form gibt, bringen wir eine Broschüre heraus, die es dem Zuschauer ermöglicht einfach und strukturiert einen Überblick über den Wettbewerb und die anderen kurzen Filme im Festival zu gewinnen.

Susanne Lettner: Gibt es einen Kurzfilm oder mehrere der Berlinale, die Sie besonders angesprochen haben?

Maike Mia Höhne: Ich mag sie alle. Alle alle alle!

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