RIVERS OF BABYLON – Ba Bi Lun Shao Nian // SHORTS IV.

Ba bi lun shao nian
The Rivers of Babylon
by Zhou Yan
China 2012, 25 minutes

Ba Bi Lun Shao Nian by Zhou Yan
Ba Bi Lun Shao Nian by Zhou Yan

In der Musik bezeichnet man eine Aufführung dann als unplugged , wenn sie nur auf akustischen Instrumenten, ohne elektronische Verstärker aufgeführt wird. Für den einen oder anderen Musikliebhaber haben solche Versionen einen besonders hohen Wert und sie assoziieren mit der unplugged Version  die Ursprungsfassung, die Substanz, aus der dann die elektronisch gestylte Fassung entwickelt wird.  Im Kino von „unplugged Versionen“  zu reden ist nicht üblich, und doch ist mir diese Bezeichnung beim Nachschmecken eingefallen:  Zhou Yan ist eine erfahrene Dokumentaristin und so braucht es nur wenige Einstellungen und wir riechen den Fisch, spüren die schwüle Hitze und wollen nach geschreddertem Eis oder  den Eisbrocken greifen, die auf gigantisch rostigen Rutschen in die Lagerhallen zur Fischverarbeitung rumpeln.  Die Hafenstadt  als Arbeitsplatz für Fischer und Lagerarbeiter ist umgeben von riesigen Mangrovenwäldern.  Die Wurzeln dieser Wälder, die salziges und süßes Wasser verarbeiten, werden durch die Gezeiten immer wieder frei gelegt und ihre dramatische Funktion  wandelt sich von der der Bedrohung in den Ort süßer Todessehnsucht.  Diese Orte menschlicher Arbeit und eines biologischen Wunders werden mit anderen  Stätten aufgeladener Geschichten zu einem Schauplatz eines Liebes-Drama.  Dieses Drama ist nicht sofort greifbar,  Bilder unerfüllter Sehnsucht  und explodierender Lust mischen sich mit teils hintergründigen Szenen heimlicher Liebe, vorsichtiger Annäherung  und unwirscher Ablehnung.  Ein mystischer Taifun grundiert die unglückliche Liebe und sowohl am Anfang wie auch Ende des Films werden uns ortsübliche Mythen oder Märchen über die Macht der Stürme und Mangroven angedeutet.  Die langen Filme von Apichatpong Weerasethakul, Wong Kar Wai oder Hou Hisao-hsien sind nicht selten dunkle, zumindest rätselhafte Meisterwerke , die für mich eine Ausprägung des wahrhaft großen Cinemas  bedeuten. Die Rivers of Babylon mischen 25 Minuten lang magisch fotografierte  Schauplätze, in  denen die Schauspieler mehrere  Geschichten und Erinnerungen an sie evozieren und vielleicht sogar nacherleben.   Hier ist alles konkret und doch niemals eindeutig. Mit jedem Wiedersehen öffnet sich eine neue Dimension  und aus den Credits erfahren wir z.B., dass zwei der Darsteller, die nicht mehr als 4 Sekunden jeweils im Bild sind, den beiden Hauptdarstellern gleichgestellt werden.  Rivers Of Babylon sind also unplugged cinema,  roh, originell, spontan und rätselhaft. Kurzfilm-Kino, das süchtig macht und deshalb ist es auch großes Cinema.

von Wilhelm Faber

– Auswahlgremium der Berlinale Shorts –

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She has the gift to find beautiful poetic pictures in her country. We saw it last years at Berlinale Shorts where Zhou Yuan (37) presented “The Lost Land”, a disturbing film about the demolition of a house in the past, without a future. A palace in ruins is the starting point for “The Rivers of Babylon”. But there is no time to contemplate this beautiful zigzag architecture, the geometric patterns of the masts in the harbor or the labyrinth of mangrove trees along the river. 19-year old Lily, a beauty who left her native town near Beihai after graduation, comes back for a visit – and is forced to stay.  The typhoon “Mountain Spirit” is to blame. She meets a guy; maybe he was her lover, maybe not. They don’t talk a lot, but they are exploring the ruins and they go for a raft trip into the mangrove forest. The lovely memory trip shifts into a poetic horror trip. The raft gets stuck, he leaves Lily to get help. She is not frightened, she enjoys being alone, but later follows him into the forest. Leaning on a tree she falls asleep. Suddenly she is diving into the water. Now, we understand the opening scene where she was also under water. A naked boy follows her. She swims like a mermaid with her lover in a fairy tale, with red algae embracing Lily and conserving her secret. But this is not the end of a mysterious and extraordinary calm journey of a young girl, her dreams, her past and her future. When she is skating at night with her man at a lonely, but beautifully illuminated place near the harbor, she is happy. “Nothing has changed here”, she said to the boy to make him feel guilty, because he has stayed and works at the harbor. Lily’s former lover, went away, too, her current one tells her. Lily smiles like an angel living in another world. And the story becomes an emotional parable of love and leaving.

von Andrea Dittgen

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ruhig

ganz kino

plätze in städten

werden zu

plätzen in leben

die verknüpfung von vergangenheit und gegenwart

wird aufgelöst in den mangroven,

zum ende gibt es nur noch sam,

sie erzählt von ihrem ende,

und wahrscheinlich

und möglicherweise

und vielleicht auch nicht

ist alles seine vorstellung-

weil sie verloren ist in den fängen

er hätte gerne sie besessen,

aber die hitze,

die alle körper ergriffen hat,

die neue körper geschaffen hat,

hat sie eben auch vernichtet

von Maike Mia Höhne

– Kuratorin der Berlinale Shorts –

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