GEDANKEN ZU ‚VINTAGE PRINT‘

 

Vintage PrintSiegfried A. Fruhauf 2015

von Maria Morata

In seinem energiegeladenen Film hinterfragt Siegfried Fruhauf die Geschichte der Landschaftsdarstellung in ihrem medialen Pendant und erforscht dabei die Grenzen zwischen Fotografie und Kino im analogen und digitalen Bildverfahren.

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Eine Fotografie von Ende des 19. Jahrhundert, auf der eine bukolische Flusslandschaft und damit die Natur als unberührte Wildnis präsentiert wird, dient als Vorlage für den Film. Die meditative Stimmung des Bildes ist aber kaum zu spüren. Schon ab dem ersten Filmbild werden dem fotografischen Originalabzug diverse optische, mechanische, chemische und digitale Transformationen ausgesetzt. Die Repräsentationsfunktion der Fotografie und ihre Fähigkeit die Welt wiederzugeben, werden mit ihrer medialen technischen Natur konfrontiert.

Das Ausgangsbild gehört zum beliebten Genre der Landschaftsfotografie, das sich zuerst an der Landschaftsmalerei orientierte, um sehr bald zu einer eigenen Bildsprache zu finden. Die Debatte über das Realismus in der Kunst wurde mit der Erfindung der Fotografie reaktiviert, da sie den ultimativen Mimesis-Prozess darstellt, um die Realität durch technische Verfahren sichtbar, messbar und vielleicht auch greifbarer und verständlicher zu machen. Die angeblich treue Abbildung der phänomenologischen Welt durch die Fotografie setze ein Zeichen der Dominanz des Menschen über die Natur. Ihre fast naturwissenschaftlichen Realitätsnähe, entspricht dem damaligen positivistischen Zeitgeist sowie dem unerschütterlichen Glauben an Technologie und Fortschritt, der die Gesellschaft, das Denken und die Kunst bis heute beschäftigt und prägt.

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Der Film setzt sich mit der Authentizität der fotografischen Aufnahme auseinander. Die Unschuld und Reinheit des Originalabzugs kollidieren mit dem gegenwärtigen digitalen Kontext, der die Autorität der Fotografie und des medialen Bildes im weitesten Sinne, als Welt- und Realitätsdarstellungswerkzeug, längst in Frage gestellt hat.

Vintage Print setzt den Zoom als grundlegende visuelle Strategie beim Abfilmen des fotografischen Abzugs ein. Seine im Film minimale aber kontinuierliche Anwendung durch millimetergenaue Vor- und Rückwärtsmanipulationen der Objektivlinse übersetzten allmählich die heitere Landschaft in pulsierende Bewegung und offenbaren dabei die optischen und mechanischen Verfahren des Zooms. Das Zentrum des Bildes, das dank der Zentralperspektive der Camera Obscura das Auge mit dem Fluchtpunkt verbindet sollte, verliert ihre Hauptrolle. Jetzt sind es die Bilderkanten, die Grenzen des Bildes, die das Auge mobilisieren. Dadurch wird die kulturell vermittelte Wahrnehmungshierarchie umgekehrt und eine eigene dynamische Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie des Bildes im Film entsteht.

Auch die Illusion der Dreidimensionalität der Leinwand wird im Film erforscht werde. Dank der Trägheit der Netzhaut, wird die Illusion der Tiefe und der Bewegung in der herkömmliche Kinovorführung erzeugt. Die tatsächliche Flachheit der Projektionsfläche wird dann verborgen. In Vintage Print wird die Kinoleinwand ihre Fähigkeit zu Dreidimensionalität anders beweisen, indem sie durch den optischen Reiz des flickenden Bildes energetisiert wird. Sie wölbt und wellt sich, begibt sich nach vorn bis zum kollektiven und individuellen Zuschauer. Die Auge-Gehirn-Körper-Triade wird aktiviert, Raum und Bewegung des Kinobilds werden physisch erfahrbar.

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Im Laufe des Films kommen andere Manipulationen des Bildes zur Zoom-Oszillation hinzu. Eine komplexe Kombinatorik von symmetrische Spieglungen in der vertikalen Achse, Alternierungen von positiv und negativ, von Schwarz-Weiß und Farbe, Kontrastveränderungen, Solarisation weist auf die chemische Natur der analogen Fotografie hin. Ein Abstraktionsprozess anhand des in der Natur erkennbaren Motivs wird ins Leben gerufen.

Allmählich wird die mechanische Bewegung des Zooms durch eine sehr schnelle, thaumatropische  Alternierung des Bildes, das verschiedenen chemischen Verfallsetappen ausgesetzt ist. Der Film durchdringt die silberkörnige Emulsion der Fotografie und offenbart die Materialität des fotografischen und kinematographischen Bildes gleichzeitig. Die Mikropartikel der optischen, chemischen und digitalen Manipulationen des Bildes weiten den Blick in ein makroskopisches Universum, in dem Sterne,  Himmelskörper und Mondkrater fast erkennbar werden.

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Die Tonspur fügt den Bildern eine weitere Ebene hinzu und übernimmt eine, wenn auch lose, narrative Funktion. Synthetische, grillenartige Geräusche lassen wieder an die Grenze zwischen Natur und Kultur denken und menschliche Stimmen oder Maschinenklänge (Zug, Helikopter) suggerieren eine dramaturgische Liaison mit der Geschichte der dargestellten Landschaft. Eine Art heterotopische Akkumulation des Ortes, die als ein auditives Porträt des Zeitraums zwischen dem Aufnahmezeitpunkt der Original-Fotografie und ihrer zeitgenössischen kinematografischen Version gelesen werden könnte.

Fruhauf kreiert ein kinematographisches Artefakt, in dem eine ständige und sichtbare Remediation stattfindet: von Fotografie zu Film zu digitalen Daten. Eine metafilmische Reflexion über die Repräsentationsfähigkeit und die Materialität des Bildes und über die transformative und interpretative Energie des Kinos.

 

 

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