DANIEL POOK IM INTERVIEW MIT MAIKE MIA HÖHNE

daniel-pook

Maike Mia Höhne: Seit nun zehn Jahren begleitest Du die Berlinale Shorts mit der Kamera und führst ausführliche Interviews mit den Filmemachern – alles veröffentlicht auf  „Short Talks“ und dem dazugehörigen Vimeo Channel. Du kamst damals mit Deinem Freund ins Büro, mit der Kamera unter dem Arm und sagtest, du wolltest gerne Interviews führen – mit allen oder wenigstens möglichst vielen der Filmemacher. Und das hast Du dann auch gemacht.

Wie kamst Du, wie kamt Ihr, auf die Idee? 

Daniel Pook: Den ersten Impuls hat uns David O’Reillys animierter Kurzfilm RGB XYZ gegeben. Der lief gleich in der allerersten Berlinale-Vorführung, die wir überhaupt besucht haben. Ich machte meine Anfänge im Journalismus bei einem Videospielmagazin und mich hat sowohl der eigenwillige 3D-Grafikstil als auch die Geschichte als Persiflage typischer Computer-Rollenspiele fasziniert. Direkt nach dem Screening sind wir spontan auf Maike zugegangen und haben uns nach Davids Kontaktdaten für ein mögliches Interview erkundigt. Maike drückte uns noch im Kinosaal ihre komplette Liste mit allen Telefonnummern und Emailadressen der Shorts-Filmemacher in die Hand und da mein damaliger Festival-Begleiter Lucien Noé und ich selber angehende Filmemacher waren – 2006 lernten wir uns an der New York Film Academy kennen – wollten wir nun auch unbedingt die Möglichkeit ergreifen, mit weiteren Regisseuren zu plaudern. Inzwischen führe ich das Projekt mal ganz alleine, mal mit Hilfe meines guten Freundes und Filmpartners Raphael Keric weiter, der dann auch stets die Moderation vor der Kamera übernimmt. (Hier zu finden)

MH: Warum die Kurzfilmer, warum die Berlinale Shorts? 

DP: Gerade durch die Zeit an der New York Film Academy hatten Lucien und ich mit der kurzen Form einfach selber am meisten Kontakt und wir wollten sehen, was andere Regisseure aus aller Welt so damit anstellen. Was mich an der Berlinale darüber hinaus immer besonders fasziniert ist, wie organisch sie überall mitten in der Stadt abläuft. Es gibt kaum Absperrungen, die meisten Filme sind ohne Akkreditierung fürs öffentliche Publikum zugänglich und auch Passanten, die gar keine Zeit haben sich die Filme anzusehen, tragen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen gerne die Berlinale-Taschen vom Fanartikelstand. Ohne diese Offenheit, die uns als noch sehr junge Buben und ganz normale Zuschauer das Gefühl gegeben hat, einfach mal ohne Voranmeldung die Kuratorin ansprechen zu können, wäre Short Talks bestimmt gar nicht erst entstanden.

MH: Gibt es ein, zwei, drei Kurzfilme aus den Jahren, die die besonders im Gedächtnis geblieben sind und warum?

DP: Night Fishing (Paranmanjang) von Chan-kyong Park und Chan-wook Park ist genau die Art von Filmerlebnis, das ich am liebsten habe. Eigentlich sehr surreal, wie ein nicht ganz greifbarer Traum. Erst nach und nach eröffnet sich eine Realität dahinter, die dem großen Ganzen ein emotionales Fundament gibt. Außerdem ist es einer der besten Geisterfilme, die ich überhaupt je gesehen habe und ich verweise immer wieder darauf, wenn jemand behauptet, man bräuchte eine möglichst teure und große Kamera, um gute Filme machen zu können. Dieser Goldene-Bär-Gewinner wurde komplett auf einem heutzutage antiquierten iPhone 4 gedreht. Nuff said.

Incident by a Bank (Händelse vid bank) von Ruben Östlund ist mit Sicherheit einer der originellsten Kurzfilme, seit ich die Berlinale besuche. Er zeigt in einem einzigen langen Take den komödiantisch missglückten Banküberfall zweier Amateurganoven, während drumherum allerhand absurde Sachen passieren und zwei Zeugen aus der Ferne das Gesamtgeschehen kommentieren. Die Kamera bewegt sich zwar, in Wirklichkeit sehen wir alles aber nur aus einer statischen Perspektive, in die nachträglich digital hereingezoomt wurde. Und wenn ich mich nicht falsch erinnere, hat sich dieses Schauspiel in Wirklichkeit genau so zugetragen, Ruben Östlund selbst war dabei tatsächlich einer der kommentierenden Beobachter.

Say Goodbye to the Story von Christoph Schlingensief gab das Leitmotiv für die Berlinale Shorts 2012 vor und ist seitdem auch irgendwie mein eigenes als Filmemacher geworden. Die Frage, wie bewegte Bilder sich selbst erzählen können, ohne die klassischen Formen des Geschichtenerzählers immer aufs neue und mit immer absurderen Übertreibungen aufgedrückt zu bekommen, hat dieser Film maßgeblich ins Zentrum meiner eigenen Herangehensweise gerückt. Und zwar, indem er mir genau das als Dauerschleife bis zum Exzess gezeigt hat, bis alle durchdrehen und die Zuschauer irgendwie auch.

MH: Gibt es einen Film, muss nicht aus dem Programm der Berlinale Shorts sein, der Dich sehr berührt hat und warum?

DP: Ich bleibe gleich bei den Shorts und komme noch mal auf meine Faszination für die Filme von David O’Reilly zurück, die bei meinem ersten Festivalbesuch entfacht wurde. Sein Goldener-Bär-Gewinner Please Say Something hat trotz abstrakter Welt und animierter Tiere als Hauptdarsteller menschlicher gewirkt, als die meisten Realfilme, die ich kenne. Ihm ist auch das Kunststück gelungen, eine Erzählung mit wenigen Worten über viele Umwege so auf einen berührenden Moment hinauslaufen zu lassen, dass sich die Frage nach der ausformulierten Bedeutung einzelner Szenen gar nicht mehr stellt. Ich spürte, das alles Sinn macht, bevor ich es begriffen hatte und alles was ich dafür sehen musste, war ein Schal. Wenn ich an dieser Stelle über den wunderbaren Tellerrand der Shorts hinausblicken darf, mache ich das natürlich auch gerne. Erst im vergangenen Jahr bin ich auf Julian Schnabels Before Night Falls gestoßen, eine 2000 erschienene Verfilmung der Biografie des kubanischen Autors Reynaldo Arenas. Genau wie bei Night Fishing verschwimmen hier Realität und ein unwirkliches, fast lyrisches Empfinden der Welt, ohne die Bodenhaftung zu verlieren und nur eine beliebige Fantasie zu zeigen. Es ist eben diese ganz besondere Kombination aus surrealer Inszenierung, die trotzdem noch genug Wirklichkeit erkennen lässt, die ich am meisten in Filmen suche. Ganz egal welches Genre oder welche Geschichte erzählt wird.

MH: An welches Interview erinnerst Du Dich noch und warum?

DP: An jedes Einzelne, selbstverständlich – und das meine ich auch wirklich so. Die Gespräche mit den Filmemachern, meistens an spontan ausgesuchten Orten mitten in Berlin, sind immer wieder auf ihre eigene Art etwas besonderes. Eben genau wie ihre Filme. Eines, das überhaupt nicht so geplant war, ragt für mich trotzdem hervor. Victor Lindgren und seine Darstellerin Jana Bringlöv Ekspong haben mich zum Talk über ihren späteren Teddy-Award-Gewinner Undress me (Ta av mig) in ihr Hotelzimmer eingeladen. Das Interview wurde wie von selbst zu einem vertrauten Gespräch zwischen den beiden und ich ganz zum Filmemacher, der mit Steadicam-Weste auf dem großen Doppelbett herumkroch und aus dem Bauch heraus seinen Protagonisten ins Ungewisse folgte. Es war vor Ort eine tolle, dichte Atmosphäre und sie kommt im Interview-Video ähnlich traumartig rüber, wie ich es in meinen Lieblingsfilmen immer so gerne habe. Dazu haben sich Victor und Jana in manchen Momenten nicht nur sehr ehrlich, sondern auch bemerkenswert emotional, sogar verletzlich gezeigt. Diese Ebene in einem Gespräch habe ich auch über Short Talks hinaus noch in keinem meiner Interviews erleben dürfen und es ist wunderbar, dass ich es anschließend als eigener kleiner Film mit der ganzen Welt teilen konnte.

MH: Der verrückteste Ort und Moment?

DP: Das Hotelzimmer war intim und stimmungsvoll, am verrücktesten aber waren die Drehs auf der jährlichen Berlinale Shorts Partys. Die Interviewpartner kommen in der Regel direkt von der Tanzfläche – nicht immer ganz nüchtern. Beim Übersetzer des japanischen Regisseurs Akihito Izuhara hatte ich wirklich das Gefühl, Antworten kamen nur noch durch den doppelten Filter aus Alkohol und Sprachbarriere bei mir an. Das war 2010, ich denke nach all der Zeit kann ich das mit einem Schmunzeln jetzt einfach so sagen wie es war. Und genau so etwas, macht Short Talks ja auch immer und immer wieder zu einem spannenden Abenteuer. Unvergessen ist für mich auch der Dreh mit Regisseurin Joanna Arnow und ihren beiden Schauspielern aus Bad at Dancing mitten im Einkaufszentrum Potsdamer Platz Arkaden. Da habe ich aus den Augenwinkeln beobachtet, wie eine Reinigungsdame den Mülleimer ausleerte, auf dessen Deckel ich meine GoPro-Kamera befestigt hatte. Redlicher Weise hat sie ihn exakt so wieder zurückgestellt wie er vorher war und ich musste mich nur beherrschen, nicht urplötzlich im Gespräch loszulachen.

MH: Gibt es einen Traumort, an dem DU noch nicht warst, aber unbedingt gerne drehen würdest?

DP: Raphael Keric und ich haben oft darüber gesprochen, was wir mit einem größeren Sponsor oder etwas Produktions-Budget für eine Sendung aus Short Talks machen würden. Unser Traum wäre, einen Kleinbus als mobiles Set á la The Darjeeling Limited umzubauen und dann mit unseren Interviewpartnern sowohl während der Fahrt durch Berlin, als auch an total spontanen Zwischenstops mit Liegestühlen und mitgebrachten Getränken irgendwo in Parks, Hinterhöfen oder mal eben schnell auf dem Gehweg zu plaudern. Unser Traumort wäre also immer in Bewegung und wir würden ihn am liebsten selber basteln.

MH: Gibt es einen Regisseur*in, die, der dir noch fehlt- den du wahnsinnig gerne was fragen würdest?

DP: Vor einigen Jahren bekam ich zum Filmstart von Black Swan eine Interviewmöglichkeit mit Darren Aronofsky und habe dafür sogar extra einen schon gebuchten Urlaubsflug verschoben. Ich habe dem Treffen sehr entgegengefiebert, Black Swan hatte mir wahnsinnig gefallen und Aronofsky erwies sich auch als guter Interviewpartner – dennoch, es wurde nicht das Gespräch, das ich mir erhofft hatte. Die zuständige PR-Agentur hat anschließend mein von ihrem Kamerateam gedrehtes Videoband verwechselt und ich hab mich ehrlich gesagt nie mehr richtig danach erkundigt, ob es irgendwann wieder aufgetaucht ist. Nicht aus Enttäuschung, aber weil das Gespräch für mich nichts wirklich besonderes geworden ist. Andersherum habe ich Filmemacher bei den Berlinale Shorts interviewt, deren Werke ich nicht überragend fand und die ich manchmal aufgrund von Empfehlungen, manchmal auch aus reiner Gelegenheit oder weil sie von sich aus auf mich zukamen interviewt habe und es wurde großartig – oft interessanter als mit Regisseuren, die ich ursprünglich auf einer solchen „Wahnsinnig gerne was fragen“-Liste hatte. Und deswegen gibt es diese Liste für mich inzwischen nicht mehr. Ich versuche eine möglichst abwechslungsreiche Auswahl zu treffen, weil ich alle Kurzfilmer mit meinem jetzigen Format als Hobbyprojekt nicht schaffen würde. Manchmal finde ich es allerdings schade, dass ich mit asiatischen Regisseuren meistens nur via Übersetzer sprechen kann, was ich aufgrund schlechter Erfahrungen inzwischen versuche zu vermeiden. Den Gesprächsfluss und die Tiefe, das richtige Kennenlernen, das Short Talks für mich persönlich besonders macht, konnte ich trotz mehrerer Versuche auf diese Weise leider nie so wirklich zustande bringen. So gesehen sind das also wohl dann doch meine Regisseur*innen, die mir häufig fehlen, auch wenn ich sie wahnsinnig gerne dabei gehabt hätte.

MH: Welches Ziel verfolgst Du mit dem Körper an Gesprächen, die Du geführt hast?

DP: Ich denke immer wieder darüber nach, dass Short Talks inzwischen wie ein flüchtiger Blick durch ein Fenster geworden ist, das ich mit meinen Videos offen halten kann. Es gibt da diese eine Woche, in der ein Filmemacher oder Schauspieler vom ganz speziellen Flair der Berlinale umgeben ist. Hier rückt das Verkaufen von Filmen oder eines Images gefühlt mehr in den Hintergrund als bei anderen Festivals und das möchte ich auch in der großen Sammlung an Interviews darstellen. Der aktuelle Kurzfilm oder die Person selbst stehen für mich in den Gesprächen gar nicht so sehr im Vordergrund. Es ist ihre Interpretation der Sprache Film, ihre Herangehensweise an den Produktionsprozess und ihre Motivation dazu, die mich als Filmemacher interessieren und die ich in ihrer Vielfalt nur als diese große Serie an Gesprächen überhaupt darstellen kann.

MH: Was machst Du sonst?

DP: Da gibt es einiges! Nach meiner Zeit als textender Games-und-Kinoredakteur war ich mehrere Jahre festangestellter Videojournalist bei Golem.de, wo ich bis heute noch gelegentlich als Freelancer arbeite und auch Filmkritiken schreibe. Meinen eigentlich sehr geliebten Job dort habe ich letztendlich aus freien Stücken gekündigt, weil der Ruf des fiktiven Filmemachens in mir doch zu groß wurde. Seitdem verbringe ich tatsächlich sehr, sehr viele Tage und Nächte vor dem Rechner und hinter der Kamera, um kleine und große Filme mit meinem Stammschauspieler und Produktionspartner Raphael Keric auf die Beine zu stellen. Da ist vom Found-Footage-Filzpuppenfilm bis zum Raw gedrehten Fiebertrip durch L.A. eigentlich so ziemlich alles dabei, was man nicht erwartet, wenn man schon einen anderen Film von uns gesehen hat. Nebenbei mache ich noch einen wöchentlichen Unterhaltungs-Podcast mit eigener Website, der dank treuer Zuhörerschaft über das Crowd-Funding von Patreon sogar ein wenig Geld abwirft. Die Themen sind kaum definiert, das Niveau allerdings oft auch nicht und manchmal überraschen mein ehemaliger Chefredakteur Alexander Voigt und ich uns mit Ausflügen ins philosophische oder gar in die Politik. Zu meinen regelmäßigen Kunden bei Videoarbeit gehört seit letztem Jahr auch die „Save the Children“-Stiftung. Deren Berlinale-Werbespot, welcher während des Festivals auf den großen Bildschirmen beim Potsdamer Platz und am Berlinale Palast gezeigt werden soll, habe ich noch vergangene Woche fertig geschnitten.

MH: Bleibst Du mit den Filmemachern in Kontakt?

DP: In erster Linie über die sozialen Netzwerke, dort aber nur flüchtig. Meistens gibt es ein herzliches Wiedersehen erst auf einer weiteren Berlinale und viele kommen ja tatsächlich nicht nur zweimal mit neuen Filmen zurück in den Wettbewerb. Einzelne habe ich dann doch auch noch woanders getroffen, darunter Cylixe (A City Within a City) während einer Pressereise nach New York, wo sie Kunst studierte. Als sie zurück in Berlin war, haben wir uns auch noch ein paar mal auf ein Bier getroffen, ich kann ihre Band The Blackflies übrigens wärmstens empfehlen! David O’Reilly, so schließen wir den Bogen zum Beginn jetzt wieder, entdeckte mich mal in Heathrow am Flughafen und rief mir zu meinem Verblüffen laut zu. Wir saßen dann auch im selben Flieger nach Berlin, wo sich David eine lange Bahnfahrt über Videospiele bei mir erkundigt hat. Ich arbeitete da noch bei meinem alten Games-Magazin und hatte nicht die leiseste Ahnung, dass er 2017 mit seinem eigenen Playstation-4-Spiel Everything wieder bei den Shorts dabei sein würde.

Top 4 Interviews:

Victor Lindgren (2013) 

Mahdi Fleifel (2014) 

Dustin Guy Defa (2014) 

Runner-Up – David Jansen, Sophie Biesenbach, Marcus Zilz (2015) 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s