ASURA // SHORTS V.

Asura“ –
Ashura
by Köken Ergun
(Turkey/Germany 2012, 22 minutes)

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This is the only film in the competition that you can’t understand without information coming from outside. A group of fanatic Muslims is gathering for praise and singing. “My Life for Hussein, my life for Hussein!” They are singing and repeating the sermon with rhythm and emphasis. “I Wish I were in Karbala” and “I wish I died for Hussein” are the other sermons. Are they terrorists? Who is Hussein? What about Karbala? The Battle of Karbala took place in the year 680. The military forces of Yazid I. fought against the prophet Mohammed Hussein and killed him and his followers. The Death of Hussein is celebrated by a Shia minority in Turkey each year in a ceremony called Ashua. If you don’t know that these facts you just see fanatic Muslims to be afraid of because there is no comment or subtitle to explain. The preparation starts like a medieval gathering with men wearing knight’s armor, ancient flags flying and historic pictures being posted on wall carpets. They are mourners, the men are weeping: “Imagine 30 000 soldiers.” It must be the number of people killed. Only the children are not weeping, they are looking at the pictures on the wall and sit there watching their parents. Director Köken Ergun’s documentary gives a close look into a private circle with the rules of praying, mourning, dancing and singing of a religious group of whom people usually know very little.

by Andrea Dittgen

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Komm, wir weinen noch ein bisschen!

Erste Szene: eine graue, kalt ausgeleuchtete Tiefgarage. Tiefgaragen stehen im Film fast immer für Tod und Gewalt. Junge Männer skandieren einem Vorsänger nach: „mein Leben für Hussein … ich wünschte, ich wäre wie Hussein gestorben … das blutige Schwert rostet in Kerbala …“ Sie schlagen sich rhythmisch auf die Brust. Ein starkes Bild, das in seiner Intensität aber auch in seiner Stilisierung an die aggressive Anfangsszene in Michael Jacksons Musikvideo „Bad“ erinnert, wenn er mit seiner Gang einer anderen den Kampf androht. Die Szene verdichtet sich, es kommen mehr Männer dazu, sie führt auf die Straße und schließt sich einer Großdemonstration an. Wir kennen das Bild aus den Medien, bei dem Transparente toter Terroristen („Shadeeds“) geschwenkt werden und Kinder als Terroristen mit Dynamitgürtel verkleidet auf den Schultern ihrer Väter sitzen.

Wir sehen einen der drei Höhepunkte der Ashura-Feierlichkeiten einer shiitischen Minderheit, die der Filmemacher und Künstler Köken Ergün 2010 am östlichen Stadtrand Istanbuls im sogenannten „Zeynebiye-Viertel“ dokumentiert hat.

Ashura ist im islamischen Kalender der zehnte Tag des Monats Muhrram 61 – der 10. Oktober 680 dem christlichen Kalender nach. Es ist ein schwarzer Tag in der Geschichte des Islam, er ist einer der tragischsten Momente für die Anhänger der Schia, die Schiiten.

An diesem historischen Tag lassen aus Angst vor einer Niederlage die Anhänger Husseins ihren Führer in der Schlacht von Kerberla gegen die übermächtigen Truppen des Umayyaden-Kalifen Yazid I. im Stich. Dabei ist für die Shiiten Hussein nicht irgendein x-beliebiger Heeresführer. Er ist Enkel Mohammeds und damit für sie der „designierte Nachfolger des Propheten“. Hussein war Richtung Mesopotamien losgezogen, um sich mit seinem kleinen und treuen Heer in einem ungleichen Kampf „David gegen Goliath“ einem übermächtigen Gegner zu stellen – Shiiten sprechen von einem Verhältnis von 72 gegen 10.000 Soldaten -, erbarmungslos niedergemetzelt zu werden und als Märtyrer zu sterben – „Engel trauern um Hussein … schau wie die Steine Tränen des Blutes weinen …“.

Mit dieser Niederlage ist die Hoffnung der Shiiten gescheitert, ihren Imam anstelle des von den Suniten eingesetzten Kalifen als Oberhaupt der islamischen Gemeinde zu positionieren. Nach dem Glauben der Shiiten kann die Prophetennachfolge nur von einem Nachfahren Alis – dem Schwiegersohn und Vetter des Propheten Mohammed – eingenommen werden, da dieser als einziger von Gott legitimiert sei. Die endgültige Trennung zwischen Sunniten und Schiiten in der Geschichte des Islam ist damit besiegelt.

Noch heute gedenken Schiiten dieser historischen Schlacht. Ashura ist ihr höchster Feiertag und bildet den Höhepunkt eines jährlich zehn Tage andauernden Trauer- und Bußrituals, das in seiner extremsten Form zur blutigen Selbstgeißelung der Gläubigen führt. Zumndest einen Teil der kollektiven historischen Schuld der Schia wollen sie damit abbüßen.

Zurück in die Tiefgarage: aus dem aussichtslosen Kampf Husseins leiten radikale schiitische Gruppen aber auch ihr ganz eigenes Dschihad-Verständnis ab – das Martyrium, den Tod im Namen der Religion in einem aussichtslosen Kampf gegen einen übermächtigen Feind auf sich zu nehmen. Zeigt uns Ergun hier blutigen Ernst oder spielt er mit unseren, westlichen Erwartungen und Vorurteilen? Köken Ergün, der unter anderem an der Istanbul Universitesi für das Theater ausgebildete wurde, am King’s College in London studierte und mit Robert Wilson gearbeitet hat. Was wenn, wenn die Tiefgarage gar keine solche ist sondern vielmehr der Rohbau einer Moschee und das alles fein inszeniert ist?

Im zweiten Bild seiner Dokumentation zeigt uns Ergun die bunten Bilder der Vorbereitung eines Passionsspielspektakels im Innenraum der Zeynebiye-Moschee. Wild kostümiert, leidenschaftlich, dilettantisch, mit Wille zum Ernst aber doch auch immer wieder heiter, proben oder warten Jung und Alt, Männer und Frauen gleichermaßen auf ihren großen Auftritt. Sie lachen, weinen, klappern mit Holzschwertern, rücken ihre Perücken zurecht, üben sich in Kampfszenen und schwitzen in ihren Plastikrüstungen. Jeder spielt seine zugedachte Rolle. Weißt Du noch? Die Vorbereitungen zu Deinem ersten Krippenspiel? Ja genau so. Und Kökun mit seiner Kamera mitten drin, ohne Distanz. Freude am nichtprofessionellen Schauspiel. „Schau nicht in die Kamera“ sagt der eine „Pose doch nicht schon wieder“. Wir merken, Ergün kennt die Menschen dort, ist mit ihnen befreundet und lädt uns ein, an diesem theatralischen Spektakel hautnah teilzuhaben.

Rituale und deren Identitätsstiftung ist ein zentrales Element in Köken Erguns Arbeit. Hier fühlen wir geradezu, wie, bei aller Fremdheit, sich die familiäre Atmosphäre, die fiebrige Vorbereitung auf das Spektakel den Teilnehmenden ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt – auch den Jungen, die dem Treiben vermeintlich teilnahmslos zuschauen oder sich davonschleichen.

Drittes Bild, schwarz. Lachen aus dem Off. Nein, Weinen. Da schluzt jemand. Jetzt das Bild dazu. Ein Moschee voll junger und alter Männer, die Rotz und Wasser heulen. Ein Imam, liest Ihnen die traurige Geschichte Husseins vor und nach jedem Absatz werden bitterlichen Tränen vergossen. Für uns ein irritierendes Bild. Wir wissen nicht so recht, ob wir darüber lachen dürfen oder selbst weinen sollen. Wir sind schon fast versucht wieder einen islamischen Fanatismus zu sehen: das sind doch irgendwie Extremisten!

„Nein“, beruhigt Ergun im Gespräch „das sind wohl genauso wenig Fanatiker wie die säkularen Christen, die an Heiligabend in die Mitternachtsmesse gehen und sich von der feierlichen Stimmung mitreisen lassen.“ Ergun erzählt, wie ein Großvater mit seinem Enkel einmal diesem Ritual beiwohnt und der Enkel nörgelt: „Opa, lass uns gehen, das ist langweilig“. Worauf der Großvater sagte: „komm, lass uns noch ein bisschen mitweinen, dann können wir gehen“. Kurz darauf gehen sie gut gelaunt, erleichtert, aus der Moschee in ein Kaffeehaus Kuchen essen.

von Olaf Stüber

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